Wie man Wissenschaft von Schrott unterscheidet

Gut informiert

In Zeiten des Internet ist der Zugang zu Informationen kein Engpass mehr. Ganz im Gegenteil werden wir überschwemmt mit Informationen und Daten aller Art. Jeder kann Aussagen publizieren, und jeder kann darauf zugreifen. Die Kunst ist nicht mehr, sich Informationen zu beschaffen, sondern diese zu filtern. Das Unterscheiden von “wahr” und “falsch”, von gut recherchiert und schlecht recherchiert, von Propaganda zu Wissenschaft, entscheidet darüber ob man sich gut informieren kann oder nicht.

Informationen filtern

Wie filtert man Informationen? Welche Kriterien kann man anlegen?

Es ist heute für eine große Zahl an Menschen möglich, eigene Aussagen im Internet zu veröffentlichen, in einem Format, welches man optisch nicht von den Seiten renommierter Publikationen unterscheiden kann. Und selbst in Printmedien werden zuweilen zweifelhafte Artikel veröffentlicht. Wie trennt man die Spreu vom Weizen?

Expertise vs. Interessen

Ob man eine Information als Basis für die eigene Erkenntnis heranziehen möchte, muss man selbst entscheiden. Dafür ist es wichtig, sich ein Bild von der Expertise und den Interessen des Autors zu machen. Beides ist nicht immer einfach. Insbesondere die Interessenlage eines Autors herauszufinden ist schwierig, und erfordert im Regelfall intensive Hintergrundrecherche. Je bekannter ein Autor ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diese Recherche bereits betrieben und veröffentlicht hat. Aber Vorsicht: Auch diese Aussage über den Autor muss wieder an denselben Maßstäben gemessen werden. Um nicht in einer endlosen Spirale von Recherchen steckenzubleiben, ist es darum notwendig, einen Punkt zu finden, dem man Vertrauen entgegenbringt, und diesen als Startpunkt für die weitere Recherche zu verwenden.

Ein Dokument ist dann zu empfehlen, wenn es von einem Autor verfasst wurde, der keine eigenen Interessen zum Thema hat, und der selbst ein Spezialist auf dem Gebiet ist.

Diagramm welches Expertise gegen Interesse aufzeichnet. Hohe Expertise und neutrales Interesse ist der Bereicht, in dem man sich informieren sollte.

Expertise vs. Interesse

 

Expertise

Bei wissenschaftlichen Themen sind Artikel von Wissenschaftlern in referenzierten Fachzeitschriften die Basis, auf der wissenschaftliche Erkenntnisse dokumentiert und kommuniziert werden. Solche wissenschaftlichen Berichte sind die beste Basis, um sich eine fundierte Information zu einem Thema zu verschaffen. Innerhalb der Artikel in Fachzeitschriften gibt es noch eine weitere Hierarchie, die von der Reputation der jeweiligen Zeitschrift abhängt. In jedem wissenschaftlichen Fachgebiet gibt es bestimmte Zeitschriften, die die höchste Reputation genießen, und in denen die höchsten Anforderungen and die wissenschaftliche Qualität der Artikel gestellt wird.

Wissenschaftliche Berichte werden leider üblicherweise nur von anderen Wissenschaftlern gelesen. Der Laie kann diese aufgrund der dort verwendeten Fachsprache auch oft nicht verstehen. Darum sind die meisten Menschen auf Sekundärliteratur angewiesen. Also auf Dokumente, welche die Inhalte der wissenschaftlichen Berichte in verständlicher Sprache aufbereiten und veröffentlichen. Das können Artikel in populären Magazinen sein, Bücher, Webseiten, Blogs.

Diese Sekundärliteratur hat wiederum eine sehr unterschiedliche Qualität. Wie unterscheidet man darin nun wieder zwischen Wissenschaft und Schrott? Wo kann ich mich darauf verlassen, dass die Information sachlich richtig weitergegeben wird?

Hier kann man eine gewisse Hierarchie in der inhaltlichen Qualität der Dokumente festhalten:

  1. Offizielle Gremien zum Verarbeiten des Standes der Wissenschaft
  2. Fachzeitschriften mit Peer-Review
  3. Zeitungen und Magazine hoher Reputation
  4. Blogs und Beiträge einzelner Wissenschaftler
  5. Zeitungen und Magazine geringerer Reputation
  6. Private Blogs
  7. Youtube Videos
  8. Facebook Posts

Leider ist diese Liste weder vollständig, noch bedingungslos richtig. Es kann reputationsstarke Magazine geben, die einen sachlich falschen Artikel veröffentlichen, wohingegen ein privater Blog oder ein Youtube Video eine sachlich einwandfreie und gut recherchierte Berichterstattung leistet. Es gibt sogar historische Belege von Institutionen und Fachzeitschriften, die nur gegründet wurden, um die Wahrheit zu verschleiern (1). Eine solche Hierarchie ist daher nur ein erster Anhaltspunkt.

Weitere Kriterien sind

  1. Im Dokument wurden wissenschaftliche Artikel referenziert
  2. Im Dokument wurden andere (nicht zwingend wissenschaftliche) Artikel referenziert
  3. Das Dokument ist sachlich formuliert
  4. Der Autor kennt sich selbst mit dem Thema aus

Die sachliche Formulierung muss der Leser selbst erkennen – dies mag auch subjektiv unterschiedlich interpretiert werden. Die Sachkenntnis des Autors ist je besser zu beurteilen, umso mehr man über den Autor weiß, oder umso mehr man selbst Sachkenntnis zum Thema entwickelt hat..

Interesse

Ein sehr wichtiges Kriterium ist, wie bereits erwähnt, die Interessenlage des Autors. Ein Autor, der eigene Interessen daran hat, die Wahrheit zu verschleiern, sollte nicht als Erkenntnisquelle genutzt werden. Ein Autor, der eigene Interessen daran hat, die Erkenntnisse um die es geht zu verbreiten, sollte erst dann als Erkenntnisquelle genutzt werden, wenn man Sicherheit gewonnen hat, ob die Erkenntnisse zutreffen oder nicht. Andernfalls läuft man Gefahr, Desinformation und wahrheitsgetreue Dokumente miteinander zu verwechseln.

Der ideale Wissenschaftler vertritt keine eigenen Interessen, sondern verschreibt sich ganz der Aufgabe, einen Themenbereicht zu erforschen, und den Stand der Wissenschaft um neue Erkenntnisse zu bereichern. Bei wissenschaftlichen Themen ist dieser ideale Wissenschaftler natürlich die ideale Informationsquelle. Um die Erkenntnisse auf Herz und Nieren zu prüfen, werden sie durch andere Wissenschaftler untersucht, ob sie mit guten Methoden erstellt wurden, und in sich plausibel sind. Dieses Verfahren nennt man Peer-Review. Dann werden sie in Fachzeitschriften, die das Verfahren des Peer-Review nutzen, veröffentlicht.

Sollte jemand jedoch eine Veröffentlichung vertreiben, der selbst wirtschaftlichen Nutzen von der Verbreitung der Information hat, dann wird diese sofort um ihre Glaubwürdigkeit beraubt. Das bedeutet nicht, dass die Aussage inhaltlich falsch ist. Allerdings ist es auf der Basis wirtschaftlicher Interessen durchaus möglich, dass der Stand der Wissenschaft falsch dargestellt wird, oder sogar glatt gelogen wird. In Zeitschriften mit Peer-Review is diese Gefahr sehr gering. In allen anderen Medien ist sie leider sehr real.

Um die Interessenlage des Autors zu erforschen, ist es erforderlich, sich mit diesem zu beschäftigen.

Um den Wahrheitsgehalt von Informationen zu prüfen, ist es erforderlich, mehr als nur eine Quelle zu befragen.

Bei sehr kontroversen Themen, oder Themen die kontrovers erscheinen, können wissenschaftliche Institutionen hilfreich sein. Diese verfügen oft über eine breite Basis an Mitgliedern, und veröffentlichen dann Beiträge, die von der Mehrheit der Mitglieder getragen werden.

Soweit verfügbar, sind Gremien zur Aufarbeitung des Standes der Wissenschaft die beste Informationsquelle, soweit sichergestellt ist, dass diese über eine breite wissenschaftliche Basis verfügen, und nicht einzelnen Lobbygruppen nahestehen.

In Summe ist das Wichtigste bei der alltäglichen Beurteilung von Dokumenten, das vorliegende Dokument zu hinterfragen:

  • Wer schreibt?
  • Welche Interessen liegen vor?
  • Worauf bezieht er/sie sich?
  • Wie ist es formuliert?
  • Ist es plausibel?
  • Ist es im Dokument wissenschaftlich belegt mit Quellenangaben?
  • Welche Qualität haben die Quellen?

Hiermit kann ein Dokument schnell und grob eingeordnet werden.

(1) http://legacy.library.ucsf.edu – Datenbank aus den Verfahren gegen die Tabakindustrie aus den 1990er Jahren.